Technologiegestütztes "Lernen 1.0' bis 'Lernen 16.0'
By Ralf Hilgenstock on Jun 27, 2009 | In Bildungsprozesse
Seit geraumer Zeit geht die Zahlenkombination ‘2.0′ durch die Welt. Sie bezeichnet ursprünglich die Veränderung in den Internettechnologien von den reinen Distributions-Systemen hin zu kollaborativen Softwaremöglichkeiten im Netz.
Es ging also darum, dass nicht mehr nur der Betreiber einer Webseite Informationen einstellt, sondern zugleich die Leser zu Schreibern werden. Wikis und Weblogs sind hierfür Beispiele.
Die Forderung Medien bidirektional zu gestalten ist übrigens wahrhaft nicht neu. Bert Brecht forderte den Hörfunk vom Distributionsapparat zum Kommunikationsapparat zu machen. Gegenöffentlichkeit der 70er, 80er Jahre eignete sich Medien an und öffnete sie breiteren Kreisen.
Ältere Technologien (z.B. Websites ohne Kommentarfunktionen) wurden konsequent dann als Web 1.0 bezeichnet. 1.0 und 2.0 bezeichnen somit durchaus unterschiedliche Paradigmen.
Inzwischen gibt es seit einiger Zeit auch die Begriff ‘Lernen 1.0′ und ‘Lernen 2.0′. Lernen 1.0 ist natürlich völlig ‘out-fashioned’ und ‘old-style’.
‘Lernen 2.0′ wird nicht wirklich sauber definiert. Es ist eine Gemengelage aus pädagogischen Konzepten (Konstruktivismus), zweitens Rollenveränderungen der Lehrenden und - häufig vergessen - der Lernenden (Lehrer als Lerncoach) und drittens dem Einsatz webbasierter Technologien.
Merkwürdigerweise werden die Modelle gegeneinander statt ergänzend diskutiert. Und ebenfalls auffällig, Lernen 2.0 wird als eine völlige Neuerfindung verstanden. Schaut man etwas genauer hin, findet man unter Auslassung von Technologiefragen sog. Lernen 2.0-Konzepte in der Reformpädagogik, bei Paolo Freire, bei Ivan Illich und vielen anderen. Geht man noch weiter in der Geschichte zurück so sind viele Privatlehrerkonzepte weniger drill-and-practice Modelle als vielmehr diskursive kommunikative Erarbeitungen von Inhalten.
Das meint also, kooperatives Lernen ist keine Erfindung des Internet-Zeitalters.
Lernen 2.0 suggeriert auch, davor habe es nur ein Paradigma im Lernen gegeben. Angesichts der langen Geschichte des Lernens, die so alt ist wie die Welt, ist das anmaßend. Lernen unter Nutzung des Internet ist also eher als ‘Lernen 356.2′ zu bezeichnen (ohne dass ich damit alle vorherigen Stufen beschreiben möchte).
Selbst im Bereich technologiegestütztes Lernen ist Lernen 2.0 in der Zählweise falsch. Ich versuche mich mal mit einer Auflistung:
Lernen 1.0: Erzählen (ok, nicht direkt Technologie, aber irgendwo musste ich anfangen)
Lernen 2.0: temporäre Visualisierung mit dem Stock im Sand/auf Tafel
Lernen 3.0: Lernen im Klassenverbund statt einzeln oder in der Kleingruppe
Lernen 4.0: dauerhafte gemalte/gedruckte Plakate/Karten
Lernen 5.0: räumlich mobiles Lernen mit gedruckten Lernbüchern
Lernen 6.0: Lernen mit audiovisuellen Medien (Tonband, Cassette | Dia | Film)
Lernen 7.0: Fernlernen mit Lernbriefen und Aufgabenkorrektur
Lernen 8.0: Strukturierte gedruckte Lernunterweisung
Lernen 9.0: Lernen mit technischen Medien mit ‘mechanischer’ Interaktion (Sprachlabor, Sprachkassetten)
Lernen 10.0: Blended Learning Generation 1: Funkkolleg
Lernen 11.0: Computer Based Training bis zur Lern-CD
Lernen 12.0: Webseite mit Lerninformationen
Lernen 13.0: Web Based Training|WBT (SCORM) strukturierter Lernpfad zum Durchklicken
Lernen 14.0: WBT plus Kommunikation in Foren
Lernen 15.0: Blended Learning Generation 2: Lernplattform
Lernen 16.0: kollaboratives (un)gelenktes Lernen in geschützten/offenen Gruppen
Nicht zuordnen möchte ich hier die Debatte über ‘informelles Lernen’, da es immer schon passierte und ‘Personal Learning Environments = Persönliche Arbeits-und Lernumgebung (PAUL)’, da sie zunächst nicht mehr ist als der webbasierte Schreibtisch mit Regalablage.
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