Bohren, Schrauben, Schweißen: Werkzeuge des Wissensarbeiters
By Ralf Hilgenstock on Feb 9, 2010 | In Hintergrund, Entwicklungen, Grundlagen, Bildungsprozesse, Personal Learning Environment, Wissensmanagement
Jochen Robes befasst sich im Weiterbildungsblog mit der Frage des Lernens bei Wissensarbeitern. Dabei konstatiert er für sich selber
die Selbstbeobachtung, dass ich schon lange nicht mehr in Seminaren, in Kursen oder durch Lehrbücher lerne, also bewußt aus meinem Arbeitsprozess heraustrete, um mir grundlegend einen Gegenstand zu erschließen.
Es geht mir ähnlich. Meine letzte Anmeldung zu einem Seminar liegt länger zurück. Bei Lehrbüchern müsste man noch einmal darüber reden,wie man den Begriff ‘Lehrbuch’ konkretisiert. Es gibt viel Bücher aus der letzten Zeit, die für mich lehrend waren.
Zunächst einmal erinnere ich mich jedoch an statistische Auswertungen zur berufsbezogenen Weiterbildung, die immer schon ausweisen, dass Mitarbeiter mit steigendem Alter jährlich weniger Fortbildungstage nutzen. Das gilt nicht nur für Deutschland sondern wohl international.
Klassisch zählt man den Besuch von Tagungen und Konferenzen zur organisierten Weiterbildung. Da Jochen einer der eifrigsten Konferenzbesucher ist, sollte auch bei ihm etwas davon hängen bleiben. ![]()
Eigentlich geht es jedoch um die Debatte über (in-)formelles Lernen. Während man unter formellem Lernen (fremd) organisierte Lernangebote versteht, meint informelles Lernen die vom Individuum selbst gesteuerten Lernprozesse. Zugleich handelt es sich auch um die ad hoc Lernvorgänge im Alltag durch Gespräche mit Kollegen, Kunden oder die persönliche Auswertung von Erfahrungen.
In der Informations- und Community-Gesellschaft verlagern sich Informationsquellen an extrem viele Orte (im Netz), mit einer früher nicht gekannten Dynamik (Neues kommt hinzu, anderes verschwindet) und dem Drang immer alles sofort mitzubekommen.
Den Anfang machte die Explosion der Zahl der gedruckten Zeitungen und Zeitschriften, dann der Hörfunk- und Fernsehsender. Seit relativ kurzer Zeit Webseiten, Blogs, Foren, Communities, Netzwerke.
Der Versuch up-to-date zu bleiben und die Verlagerung dieser Anforderung auf das Individuum führt zu nicht unerheblichem Zeitaufwand. Da es sich nicht um organisierte Arbeit handelt, verlagert sich dieses zunehmend in den Bereich der Privatzeit.
Manche Apologeten des Web-2.0 Lernens vertreten die Einschätzung formale Lernprozesse würden vollständig durch informelle Lernprozesse verdrängt. Ich folge dieser Ansicht ausdrücklich nicht.
Erstens gibt es arbeitgeberseitig einen Steuerungsbedarf für die Wissens- und Kenntnisstände der Mitarbeiter ausgerichtet an strategischen Überlegungen der Unternehmenssteuerung.
Zweitens kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Mitarbeiter automatisch und eigenverantwortlich informell lernen, um den Wert der Arbeitskraft zu entwickeln.
Drittens stellt sich vielfach die Frage der Effektivität von informellem Lernen. Wenn 20 Mitarbeiter sich persönlich - ohne voneinander zu wissen - mit einem Themenfeld befassen, Quellen suchen, lesen, bewerten, verwerfen, exzerpieren, Transferüberlegungen anstellen dann wird häufig Doppelarbeit entstehen. Die klassische Aufgabe eines Trainers ist es ein Thema stellvertretend aufzubereiten und an andere zu vermitteln. Diese Professionalität hat ihren Wert. Bestandteil des Trainings kann natürlich in Workshopform die Bewertung und Transferüberlegung durch die Seminargruppe sein.
Genau dieser dritte Aspekt beschäftigt mich auch für meine persönlichen Entscheidungen. Wo ist es wichtig mich kurzfristig (quasi täglich) up-to-date zu halten? Wo ist es völlig ok, mich heute schlau zu machen und mit diesem Kenntnisstand die nächsten drei Monate glücklich zu leben, mich dann wieder umzuschauen, was ist passiert? Und letztlich auch zu entscheiden, wo ist es gut, mir jemanden zu suchen, der mich kompetent macht. Und letzteres wiederum kann ein formeller Lernprozess sein. Dazu zähle ich jetzt auch mal ein Netzwerktreffen mit Vortrag und Diskussion.
Betrachtet man die Diskussion über Lernplattformen und Persönliche Lernumgebungen (PLE) so wird hier gerade ziemlich viel Unsinn verbreitet. Auch die Überschrift der Podiumsdiskussion auf der CEBIT (Lernplattformen vs. PLE) kann eigentlich nur als Marketinggag verstanden werden.
Im gesamten Bildungsbereich hat sich gezeigt, dass neue Methoden und Techniken additiv ins Portfolio aufgenommen werden wenn sie sich bewähren. Sie ersetzen die alten nicht. Weder hat E-Learning den Klassenraumunterricht ersetzt, noch werden Blogs und Wikis aufbereitete Inhalte in Filmform ersetzen. Und: trotz Open-Space-Formaten gibt es weiter Vorträge.
Es gibt jedoch immer noch ein häufig anzutreffendes Verständnis von Lernplattformen als SCORM-Lernpaket-Abspielstation. Diese ‘klick dich schlau’ Konzeptionen von Lernen sind mehr oder minder unterhaltsam verpackte Frontalvorträge mit integriertem Verständnistest.
Ok. Genau dafür sind sie gut. Für eine vertiefte kooperative Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Für einen organisierten Lerntransfer in den Arbeitsalltag taugen sie jedoch nicht.
Wer mit einer Lernplattform wie Moodle arbeitet, begrenzt sich längst nicht darauf. Wir haben seit langem eine Arbeitsumgebung, die Lernen als kommunikativen kooperativen Prozess unterstützt.
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