Ralf Hilgenstock

Kannst du mir Moodle beibringen?

Ich bin gerade ganz begeistert von einer Reihe von Blogbeiträgen von Tomasz aus Perth. Er unterrichtet an einer Schule und hat dort die gleichen Fragestellungen, die auch ich aus Schulen kenne. Ich übersetze daher einfach mal einen seiner Beiträge:

Heute Nachmittag kam eine Kollegin auf mich zu und sagte: ?Tomaz, ich mitbekommen, dass du mit diesem Moodle arbeitest. Du musst mir das unbedingt zeigen und beibringen.? Das war tatsächlich Musik in meinen Ohren. Aber dann gab ich ihr zur Antwort, was mittlerweile ein Standardsatz von mir - und eine Herausforderung ist: ?Ich werde es vermutlich nicht können!?

Sie stand da, war verwundert aber noch freundlich mir gegenüber. Puhh, hatte ich weiter ihre Aufmerkamkeit?

Ich setzte dann fort:?Ich würde dir gerne Moodle erläutern und zeigen, aber zuerst solltest du dir einmal unseren ‘Sandkasten’ (Demoraum) anschauen und vielleicht das eine oder andere Infovideo. Du hast dann einen ersten Überblick darüber, was du mit Moodle tun kannst. Wenn du das gemacht hast, überleg dir ein konkretes Unterrichtsproblem. Wir können dieses dann gemeinsam in Angriff nehmen und dazu Moodle nutzen. Was hältst du davon??

?Ok. Dann sehen wir uns am Montag bei unserem kleinen privaten Moodle-Workshop” war die umgehende und enthusiastische Antwort.

Allzu oft versuchen wir Software einzuführen indem wir den Menschen Features erklären. “Das sind die Funktionen. Klicken Sie hier, klicken Sie dort….” und dann überlassen wir die Menschen sich selber und ihrem Vorstellungsvermögen was sie denn nun damit anfangen können. Wir schaffen dabei eines der zentralsten Kommunikationsprobleme. Wir reden über die Köpfe der Menschen hinweg. Es geht dann um die Software, nicht um die Menschen.

Wenn wir es nun aber umdrehen, geht es besser. Wir lösen ein reales Problem im Klassenraum, eine Herausforderung, ein konkretes Szenario. Die Kollegen eignen sich damit die Software an. Sie wird für sie zum Werkzeug. “Ja, damit kann ich arbeiten” werden sie sagen.

Lehrer sind sehr pragmatisch veranlagt. Sie suchen wirklich nach gut geeigneten Werkzeugen. Zeig Ihnen, dass Moodle dies kann und sie werden es nutzen. Wenn eine Lehrerin in Naturwissenschaften eine tolle Lösung mit Moodle umgesetzt hat, ein Problem gelöst hatund davon erzählt, eine Deutschlehrerin davon hört, dann, ja dann würde ich wetten kommt sie und fragt ob und wie sie Moodle auch nutzen kann. Wenn Sie dies von einer anderen Kollegin hört und nicht gerade von mir, der ich als Moodle Enthusiast ja schon bekannt bin, dann ist das besonders wirksam. ("Wenn die damit umgehen kann, dann werde ich das ja wohl auch können.")

‘Klassenraumlösungen (mit Software)’ versus ‘Softwarelösungen (im Klassenraum)’.

  • Barbara Hauck
    Kommentar von: Barbara Hauck
    30.12.09 @ 18:24:19

    Auch ich bin der Meinung, dass dieser Ansatz der sinnvollere ist. Wenn man selbst ein moddle-begeisterter Lehrer ist und meint, missionarisch tätig sein zu müssen, geht es vermutlich schief. Im Unterrichtsbetrieb werden Neuerungen, die zunächst erst einmal mit Arbeit verbunden sind, aus vielen guten Gründen auf die lange Bank geschoben. D.h. der Unterrichtende muss erst einmal den Mehrwert erkennen können, bevor er sich auf mehr Arbeit einlässt. Wir haben es an unserer Schule so gelöst, dass wir für alle Kollegen eine kleinen Kurs angelegt haben, in dem sie sich als Schüler bewegen und somit erste Erfahrungen sammeln konnten. (Und selbst hier war bei manchen die Hemmschwelle extrem hoch.) In einem einstündigen(!) Moodle-Quickie haben wir die Kollegen mit drei Basic-Anwendungen vertraut gemacht und im Anschluss daran für Interessierte Workshops in Aussicht gestellt, in denen sie mit eigenen Unterrichtsideen und Materialien Moodle für ihren Unterricht nutzen können. Wir werden sehen, was die Moodle-Zukunft an unserer Schule bringt ;-).

  • scheppler
    Kommentar von: scheppler
    01.01.10 @ 14:19:43

    Es kann nur so gehen. Unterricht ist zu komplex, thematisch different und letztlich auch individuell als dass man da mit einer Standardeinführung ausreichend beibringen könnte, was der einzelne Kollege akut braucht. Solche Crash-Kurse schaffen vielmehr Ablehnung und post-seminare Depressionen angesicht einer vermittelten und wieder vergessenen Vielfalt und der damit einhergehenden gefühlten Unfähigkeit, die ja keineswegs Ursache ist.

    Lehrer müssen das Lernen wieder lernen wenn es um neue Medien und das web 2.0 geht.

  • Ralf Hilgenstock
    Kommentar von: Ralf Hilgenstock
    04.01.10 @ 17:49:16

    Vielen Dank für den Link zum Video. Obwohl ich TED immer wieder verfolge war mir dieser Beitrag durchgegangen.

    Ich würde den Aufgaben einer Schulleitung eine Dimension hinzufügen:
    - eine Ausrichtung einer Schule nachhaltig verfolgen

    Es geht nicht nur um
    - eine Rahmen für Entwicklung schaffen
    - Vorgeschriebenes umsetzen
    - Lehrerinitiativen unterstützen.

    Die meisten Schulen haben heute ein Schulkonzept/Schulprogramm oder ähnliches. Viele dieser Papiere sind jedoch Papiere, die zu Eltern-/Neuschüler-Infoveranstaltungen hochgehalten werden im Alltag jedoch nicht konsequent umgesetzt werden. Es ist Aufgabe der Schulleitung, die Umsetzung immer wieder anzustossen, zu fördern und zu fordern.

  • Barbara Hauck
    Kommentar von: Barbara Hauck
    04.01.10 @ 19:12:57

    Zurück zu Moodle: Wenn nun das Schulprofil (noch) nicht ausgerichtet ist auf das Arbeiten mit Lernplattformen, sollte dann ein einzelner Lehrer dies nicht nutzen dürfen, nur weil es vielleicht zu lange dauert, bis das gesamte Kollegium so weit ist?
    Oder: Soll die gesamte Lehrerschaft auf Biegen und Brechen auf ein neues Konzept eingeschworen werden, mit dem nur wenige umgehen können und das der Rest sich in Windeseile aneignen soll?
    So funktioniert Schule, zumindest in diesem Bereich, nicht.

  • Christoph Kasseckert
    Kommentar von: Christoph Kasseckert
    04.01.10 @ 21:30:17

    … eine interessante Diskussion, die auch wir im Team von BRN-Moodle (Bayerisches Realschulnetz) oft diskutiert haben. Egal, welchen Weg man gehen will, Moodle oder E-Learning in die Breite zu bringen, man braucht eine niedrige Einstiegsschwelle. Im übertragenden Sinne trifft dies auch auf das Bild der Verlandung zu.
    Niedrige Einstiegsschwellen (so wie wir sie von BRN-Moodle auch umsetzen) können sein:
    - schnelles Supportsystem/FAQ
    - Demokurse zur Technik für Lerner wie für Lehrer
    - Best practice Beispiele, die man sofort im eigenen Unterricht auch einsetzen kann
    - Newsletter/Magazin mit didaktischen und technischen Tipps und Tricks
    - Unterstützersysteme an den Schulen und in der Region

    So sehr in einigen Beiträgen zwar die Rolle der Schulleitung hervorgehoben wird: Schule wird noch immer von den Lehrern gestaltet, nicht von der (Schul-)Verwaltung. Wenn die Verwaltung aber pädagogische Freiräume schaffen kann, so werden diese von Lehrern mit Leben gefüllt werden und diese Lehrer überschreiten dann Schwellen in neue Bereiche.

  • Barbara Hauck
    Kommentar von: Barbara Hauck
    05.01.10 @ 09:24:22

    Jetzt verstehe ich, warum wir offensichtlich ständig aneinander vorbei reden. Ohne selbstherrlich wirken zu wollen, kann ich sagen, ich habe das Glück, an einer bayerischen Realschule unterrichten zu dürfen. Denn hier gibt es sowohl ein brückenbauliches Netzwerk innerhalb der Schulen als auch ein Vorantreiben medientechnischer Neuerungen auf höherer Ebene. D.h. wir sind schon einen Riesenschritt weiter und agieren ganz im Hilgenstockschen Sinne.
    Ich möchte dieses System der MiB- (= medienpädagogisch-informationstechnische Beratung) Tutoren kurz erklären:
    · Jede bayerische Realschule stellt ein MiB-Tutoren-Tandem, das innerhalb der Schule Ansprechpartner für MiB-Fragen darstellt und neue Ideen einbringt, testet, evaluiert…
    · Das Tandem wird unterstützt innerhalb der Schule von Schulleitung, IT-Lehrern und Systembetreuer

    Nun kommt der geniale Schachzug der bayr. Realschule ins Spiel:
    · Außerhalb der Schule sind die MiB-Tutoren vernetzt auf Ebene der Regierungsbezirke durch regelmäßige Fortbildungen und Arbeitstagungen durch die sog. medienpädagogisch-informationstechnischen Berater (=MiB), die auch jederzeit bei Fragen und Problemen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.
    · Die MiBs der Regierungsbezirke arbeiten bayernweit zusammen.

    Solchermaßen eingebettet, können nun z.B. auch Lernplattformen auf ihre Tauglichkeit überprüft und eingesetzt werden. Speziell für Moodle hat das bayerische Realschulnetz den Lehrern eine Plattform zur Verfügung gestellt, auf der die Kollegen nicht versanden, sondern zusammenarbeiten können und bei Problemen sofort Hilfe erhalten. Der Oberfranken-MiB Christoph Kasseckert leistet hier eine Betreuungsarbeit, für deren Würdigung genau genommen die Worte fehlen.
    Auf der Plattform ( www.brn-moodle.de )habe ich übrigens auch diesen Blog entdeckt ;-)
    Der Kreis schließt sich, denn wer in einem solchen Netzwerk arbeiten darf, hat auch keine Problem mit der Schepplerschen Aussage, dass es „nur so gehen kann“.

  • Ralf Hilgenstock
    Kommentar von: Ralf Hilgenstock
    05.01.10 @ 15:07:26

    Hallo Christoph,

    es ist gut, dass die Schulleitung mit Schul-Verwaltung gleich setzt. Aus meiner Sicht ist eine Schulleitung im Sinne von Führung der Schule als Ganzes wünschenswert und erforderlich. Für einen rein verwaltenden Job braucht man vermutlich kaum einen OStD. Für die Führung einer Schule aber ganz sicher.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schulleiter mit dem Anspruch der Führung einer Schule viel bewegen können. Nicht innerhalb eines halben Jahres, aber über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren.

    Ich glaube, dass 20, 30, 50 oder gar über 100 Lehrer nicht jeder sein eigenes Reich aufbauen können und sollten. Genau da ist die Gefahr sehr groß, dass sich jeder für sich aufreibt. Schulleitung kann hier Richtung geben (oder unterstützen), koordinieren, abfedern und korrigieren. Ab einer bestimmten Größe kann auch Schulleitung das nur im Team leisten.

    In dem Kontext wird dann Unterrichtsentwicklung und Schulentwicklung auch zusammen verstanden werden.

    Ralf

  • Ralf Hilgenstock
    Kommentar von: Ralf Hilgenstock
    05.01.10 @ 15:14:56

    Hallo Barbara,

    es ist sehr schön zu hören, wie es für die bayr. Realschulen auf den Weg gebracht wurde. Diese konkreten Beispeile sind für andere immer hilfreich, um zu sehen, wie klappt es woanders, was können wir daraus lernen? Dieses Wissen ist häufig nur im Rahmen lokaler Grenzen oder innerhalb der Bundesländer verfügbar.

    Vielen Dank daher.

    Ich denke, es gibt auch in anderen Bundesländern Strukturen dieser Art. In den meisten Schulen gibt es Beauftragte für dies-und-das. Ich habe den Eindruck, dass es meist an einer verbindlichen Einbindung in einer schulübergreifende Struktur mangelt.

    Trotzdem bleibe ich skeptisch so lange es
    - an der individuellen Initiative einzelner Lehrer hängt
    - keine Abstimmung innerhalb von Fachkonferenzen gibt

    Ich habe immer ein paar Fragen, wenn ich sehe, dass in einer Schule drei Lehrer acht Kurse im Schuljahr machen und das über mehrere Schuljahre so bleibt. Das wird dann für die aktiven Lehrer schwer.

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