Social Media und Lernen

In den letzten Wochen habe ich immer wieder mal für mich versucht, dem Begriff ‘Social Media’ und seiner Verwendung nachzugehen. Ehrlich gesagt, er erscheint mir immer mehr als ziemlich aufgeblasene Hype-Konstruktion hinter der man alles und jedes verstecken kann.

Was sind Social Media? Wikipedia leitet den Beitrag ein mit “Social Media bzw. Soziale Medien bezeichnet digitale Medien und Technologien (vgl. Social Software), die es Nutzern ermöglichen, sich untereinander auszutauschen und mediale Inhalte einzeln oder in Gemeinschaft zu gestalten.”

Mein aktueller Stand ist nach einigen Wochen folgender:

  1. Medien sind veröffentlichte Texte, Bilder, Grafiken, Audios, Videos etc.
  2. Social meint zweierlei

    • Eine Kommunikation über diese Medien ist möglich.
    • DerInhalt wird gemeinsam erarbeitet oder überarbeitet.
  3. Social Media werden meist mit Hilfe von Software (Foren, Wiki, Blog, Content Management, Lernplattformen, etc.) ‘verteilt’. Der Aspekt der Kommunikation findet nur bei einem geringen Teil der Angebote statt. Der Aspekt der gemeinsamen Produktion ist noch seltener anzuteffen.
  4. Auf den ersten Blick ist immer von offenen Zugriffsmöglichkeiten im Internet die Rede. Tatsächlich gibt es derartige Funktionen auch häufig für begrenzte Nutzergruppen (unternehmensintern, verbandsintern, Intranet, etc.)

Mich interessiert besonders der Zusammenhang von Social Media und Lernen. Hierzu ein paar Szenarien:

  • Ein Lehrender bereitet einen Lerninhalt auf, stellt ihn den Lernenden vor und diskutiert ihn mit diesen.
  • Ein Lehrender entwickelt neuen Lerninhalt und diskutiert ihn mit anderen Lehrenden, um ihn zu optimieren und setzt ihn dann im Unterricht ein.
  • Ein Lernender (oder eine Gruppe) erarbeitet sich selber Lerninhalte, bereitet sie auf und präsentiert sie anderen Lernenden und dem Lehrenden.
  • Ein erfahrener Mensch bereitet sein Wissen auf und stellt es anderen noch nicht so Erfahrenen zur Verfügung.
  • Ein nicht so erfahrender Mensch, fragt nach Wissen, erhält eine Antwort von einem  oder mehreren Personen, die erfahrener sind, und kann danach schlauer weiter arbeiten.

Ich habe bei dieser Aufzählung bewusst die Sprache der Social Media Apologeten entfernt und die Prozesse auf  ihre Kerne reduziert. Was ist daran eigentlich neu? Es beschreibt Situationen in formellen und informellen Lernprozessen, in Prozessen der Informationsaufbereitung, -verteilung und -weiterentwicklung. Alter Wein in neuen Schläuchen.

Dennoch gibt es Aspekte, die sich ändern oder die nicht ausreichend differenziert oder reflektiert werden. Ich erwähne sie hier nur mit Stichworten.

  • Formelle und informelle Lernprozesse werden nicht differenziert.
  • Die Begriffe ‘Lernen’ und ‘Informationsbeschaffung’ werden nicht differenziert.
  • Es gibt implizite Annahmen, jeder (!) wäre motiviert selber Lernsituationen zugestalten, Lernstoff bereitzustellen.
  • Die Veranwortung für Lernen wird unreflektiert auf das Individuum verlagert. Die institutionelle Verantwortung (Führungskraft, Personalabteilung, Bildungsanbieter) wird nicht angeschaut.
  • Die Rolle von Lehrenden wird nicht betrachtet. Ich verstehe sie als jemanden, der im Hinblick auf ein Lernziel wichtige von weniger wichtigen Aspekten trennt, Lernmedien aus einer Fülle von Angeboten auswählt, einen Weg zur Erschließung des Lerninhalts durch Lernende anbietet und Lernende begleitet und mit ihnen den Fortschritt reflektiert.

Die immer wieder zu lesende Aussage “Wir brauchen keine Lernumgebungen, wie brauchen nur noch Social Media” halte ich für unreflektierten Unfug.

Unbestritten ist für mich jedoch, dass im Bereich der lebenslangen Lernsituationen mehr konzeptionelle Gedanken um die Frage des adhoc-Lernen gemacht werden müssen. Die klassischen Angebote einer wochen- oder tagelangen Qualifizierung müssen sorgfältig ergänzt werden um kurze Einheiten, die jeder Nutzer sich  auf Nachfrage abrufen kann. Die Nutzung dieser Einheiten setzt ein ausreichendes Vor- und Zusammenhangswissen und eine intrinsische Motivation der Nachfrager zusammen. Ohne Motivation, keine Nachfrage. Ohne Vorwissen keine Einordnung des neuen stückhaften Wissens.

Bei meiner Befassung mit dem Thema bin ich auch auf den Gedanken gestossen, bei ‘Social Media’ handele es sich nicht um Tools, sondern um einen kulturellen Veränderungsprozess. Dieser Überlegung kann ich nun wieder gut folgen.Wenn ich ihn auf die Lehrenden übertrage, bedeutet das, kollaborative Lernsituationen müssen (kulturell) erst noch immer in der DNA der meisten Lehrenden undder Lernabteilungen verankert werden. Bis dahin bleibt ein weiter Weg.

 

 

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