Bohren, Schrauben, Schweißen: Werkzeuge des Wissensarbeiters

Link: http://www.weiterbildungsblog.de/2010/02/08/bohren-schrauben-schweisen-werkzeuge-des-wissensarbeiters/

Jochen Robes befasst sich im Weiterbildungsblog mit der Frage des Lernens bei Wissensarbeitern. Dabei konstatiert er für sich selber

die Selbstbeobachtung, dass ich schon lange nicht mehr in Seminaren, in Kursen oder durch Lehrbücher lerne, also bewußt aus meinem Arbeitsprozess heraustrete, um mir grundlegend einen Gegenstand zu erschließen.

Es geht mir ähnlich. Meine letzte Anmeldung zu einem Seminar liegt länger zurück. Bei Lehrbüchern müsste man noch einmal darüber reden,wie man den Begriff ‘Lehrbuch’ konkretisiert. Es gibt viel Bücher aus der letzten Zeit, die für mich lehrend waren.

Zunächst einmal erinnere ich mich jedoch an statistische Auswertungen zur berufsbezogenen Weiterbildung, die immer schon ausweisen, dass Mitarbeiter mit steigendem Alter jährlich weniger Fortbildungstage nutzen. Das gilt nicht nur für Deutschland sondern wohl international.

Klassisch zählt man den Besuch von Tagungen und Konferenzen zur organisierten Weiterbildung. Da Jochen einer der eifrigsten Konferenzbesucher ist, sollte auch bei ihm etwas davon hängen bleiben. :)

Eigentlich geht es jedoch um die Debatte über (in-)formelles Lernen. Während man unter formellem Lernen (fremd) organisierte Lernangebote versteht, meint informelles Lernen die vom Individuum selbst gesteuerten Lernprozesse. Zugleich handelt es sich auch um die ad hoc Lernvorgänge im Alltag durch Gespräche mit Kollegen, Kunden oder die persönliche Auswertung von Erfahrungen.

In der Informations- und Community-Gesellschaft verlagern sich Informationsquellen an extrem viele Orte (im Netz), mit einer früher nicht gekannten Dynamik (Neues kommt hinzu, anderes verschwindet) und dem Drang immer alles sofort mitzubekommen.

Den Anfang machte die Explosion der Zahl der gedruckten Zeitungen und Zeitschriften, dann der Hörfunk- und Fernsehsender. Seit relativ kurzer Zeit Webseiten, Blogs, Foren, Communities, Netzwerke.

Der Versuch up-to-date zu bleiben und die Verlagerung dieser Anforderung auf das Individuum führt zu nicht unerheblichem Zeitaufwand. Da es sich nicht um organisierte Arbeit handelt, verlagert sich dieses zunehmend in den Bereich der Privatzeit.

Manche Apologeten des Web-2.0 Lernens vertreten die Einschätzung formale Lernprozesse würden vollständig durch informelle Lernprozesse verdrängt. Ich folge dieser Ansicht ausdrücklich nicht.

Erstens gibt es arbeitgeberseitig einen Steuerungsbedarf für die Wissens- und Kenntnisstände der Mitarbeiter ausgerichtet an strategischen Überlegungen der Unternehmenssteuerung.

Zweitens kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Mitarbeiter automatisch und eigenverantwortlich informell lernen, um den Wert der Arbeitskraft zu entwickeln.

Drittens stellt sich vielfach die Frage der Effektivität von informellem Lernen. Wenn 20 Mitarbeiter sich persönlich - ohne voneinander zu wissen - mit einem Themenfeld befassen, Quellen suchen, lesen, bewerten, verwerfen, exzerpieren, Transferüberlegungen anstellen dann wird häufig Doppelarbeit entstehen. Die klassische Aufgabe eines Trainers ist es ein Thema stellvertretend aufzubereiten und an andere zu vermitteln. Diese Professionalität hat ihren Wert. Bestandteil des Trainings kann natürlich in Workshopform die Bewertung und Transferüberlegung durch die Seminargruppe sein.

Genau dieser dritte Aspekt beschäftigt mich auch für meine persönlichen Entscheidungen. Wo ist es wichtig mich kurzfristig (quasi täglich) up-to-date zu halten? Wo ist es völlig ok, mich heute schlau zu machen und mit diesem Kenntnisstand die nächsten drei Monate glücklich zu leben, mich dann wieder umzuschauen, was ist passiert? Und letztlich auch zu entscheiden, wo ist es gut, mir jemanden zu suchen, der mich kompetent macht. Und letzteres wiederum kann ein formeller Lernprozess sein. Dazu zähle ich jetzt auch mal ein Netzwerktreffen mit Vortrag und Diskussion.

Betrachtet man die Diskussion über Lernplattformen und Persönliche Lernumgebungen (PLE) so wird hier gerade ziemlich viel Unsinn verbreitet. Auch die Überschrift der Podiumsdiskussion auf der CEBIT (Lernplattformen vs. PLE) kann eigentlich nur als Marketinggag verstanden werden.

Im gesamten Bildungsbereich hat sich gezeigt, dass neue Methoden und Techniken additiv ins Portfolio aufgenommen werden wenn sie sich bewähren. Sie ersetzen die alten nicht. Weder hat E-Learning den Klassenraumunterricht ersetzt, noch werden Blogs und Wikis aufbereitete Inhalte in Filmform ersetzen. Und: trotz Open-Space-Formaten gibt es weiter Vorträge.

Es gibt jedoch immer noch ein häufig anzutreffendes Verständnis von Lernplattformen als SCORM-Lernpaket-Abspielstation. Diese ‘klick dich schlau’ Konzeptionen von Lernen sind mehr oder minder unterhaltsam verpackte Frontalvorträge mit integriertem Verständnistest.

Ok. Genau dafür sind sie gut. Für eine vertiefte kooperative Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Für einen organisierten Lerntransfer in den Arbeitsalltag taugen sie jedoch nicht.

Wer mit einer Lernplattform wie Moodle arbeitet, begrenzt sich längst nicht darauf. Wir haben seit langem eine Arbeitsumgebung, die Lernen als kommunikativen kooperativen Prozess unterstützt.

Collaboration 1.0 -> 2.0

Collaboration 2.0 from BLANKSPACES on Vimeo.

Wissensarbeit , online Lernen und die Art des Arbeitsplatzes

Link: http://www.weiterbildungsblog.de/2009/05/26/neue-elektronische-medien-als-instrumente-informellen-lernens-von-wissensarbeitern/

Jochen Robes weist auf einen Aufsatz hin, der sich mit der Frage der Art der Arbeitsplätze und der Fähigkeit, online zu lernen und zu arbeiten auseinanderzusetzen.

Bezug ist die Web 2.0 Diskussion bei der aus der technischen Verfügbarkeit automatisch auf die Nutzungsbereitschaft und Fähigkeit zur Nutzung geschlossen wird. Der erwähnte Beitrag wirft wohl einen Blick auch auf die Art der Arbeitsplätze. Der Wissensarbeiter könne sich die Zeit schon frei schaufeln. Aber das geht längst nicht an allen Arbeitsplätzen.

Werfen wir den Blick jedoch etwas weiter so stellt man fest, dass auch an Wissensarbeitsplätzen,es nicht immer einfach ist. Gerade arbeite ich an einer Projektausschreibung bei der im Unternehmen die Mitarbeiter im Regelfall keinen Internetzugang am Arbeitsplatz haben und überwiegend auch auf das Intranet nicht zugreifen können.

Es gibt recht viele Arbeitsplatz-PCs, die nicht über Internetzugänge verfügen. Das sollte nicht vergessen werden.

Eine andere Problematik ist die Arbeitssituation. An vielen Arbeitsplätzen ist die Arbeitsbelastung so hoch, dass das Ausklinken zum Lernen oder Recherchieren, die halbe Stunde, die man dazu braucht schon etwas ist, was als störungsfreie Zeit kaum zur Verfügung steht oder gleich von Kollegen argwöhnisch beobachtet wird. Bietet der vorgesehene Arbeitstakt in der Antragssachbearbeitung Spielräume, zum Lernen und Wissen schaffen? Meist nicht. Den Lernen und Wissen beschaffen findet in der Diktion der PE in organisierten Fortbildungen statt. Das ist nachweis- und überprüfbar.

Was passiert wenn ein Mitarbeiter im wöchentlichen Arbeitszeitnachweis schreibt 3 x 45 Minuten Wissen organisiert und aktualisiert? Fragt dann der Vorgesetzte: zeigen Sie doch mal. Was muss passieren, damit das möglich wird? Wissensorganisation und -update ist Vertrauenszeit. Und davon haben wir häufig nicht so viel.

Self-Profiling

Link: http://klauseck.typepad.com/prblogger/2009/04/googleprofile.html

In Krimiserien haben Profiler Hochkonjunktur. Sie lösen Kriminalfälle indem sie anhand der Ermittlungsstände psychologosche Profile der Täter entwickeln und damit meist über viele Ecken hinweg den Fall lösen.

Immer öfter wird über Online-Reputationsmangement berichtet. Zuletzt war es auf dem Educamp in Ilmenau ein immer wieder auftauchender Punkt. Ein anderer Begriff hierfür ist das Identitätsmanagement.

“Die einzige Frage die sich mir stellt: es gibt erstaunlich viele die mit meinem Namen rumrennen bei Google. Muss ich also meine Google.-Hits künstlich in die Höhe treiben?” (http://educamp.mixxt.de/networks/forum/thread.11064:3) fragt z.B. Melanie.

Klaus Eck weist gerade darauf hin, dass man mit Hilfe von Google Profilen sehr viel von dem beeinflussen kann, was über einen in die Welt gesetzt wird.

“Das Google Profil ist im Grunde ein Meta-Profil: Einerseits greifen verschiedenste Dienste wie zum Beispiel Google Books auf die dort gespeicherten Daten zu, andererseits können Freunde, Kollegen und Bekannte sich leicht durch die auf der Profilseite verzeichneten Identitäten bei Xing, Flickr oder Facebook mit Ihnen verbinden. Diese Zusammenführung aller Online-Profile hilft beim persönlichen Identity Management und erlaubt es, eine zentrale Anlaufstelle für Interessierte zu schaffen - eine mögliche erste Informationsquelle für all jene, die sich ein Bild über Sie machen wollen.”

Nutzen wir unsere Möglichkeiten zum Selfprofiling!

Wissensmanagement im Unternehmen

Diese Präsentationen machen sehr schön die Zusammenhänge klar.





Angehäufte Daten oder Wissen durch Aneignung (Hartmut von Hentig die Zweite)

Ja, ich bin noch immer dabei. Ich lese Hartmut von Hentigs Biografie. Wieder ein interessantes Zitat:

Es traf sich, dass mein Nachbar zu Rechten eben gerade leuchtende Auges verkündet hatte, man werde in allernächster Zeit schon in der Lage sein, das gesamte unserer Zeit auf einer Kassette von der Größe einer Streichholzschachtel unterzubringen - triumphierend hielt er eine solche hoch. Man könne es bei sich tragen und brauche seinen Kopf nicht damit zu belasten. “Und diese Kassette, Herr Kollege", übernahm ich das Wort von ihm, “werde ich kaufen und in den nächsten Gully werfen - nicht aus Missachtung dieser technischen Leistung, sondern um zu beweisen, dass weder mir noch der Welt dabei etwas verloren geht.Nur was ein Mensch weiß, und das heißt: sich angeeignet hat, darf sich ‘Wissen’ nennen. Alles andere sind angehäufte Daten, die erst durch Anstrengung des denkenden Menschen tauglich gemacht werden.”

Wie wahr.

Moodalis jetzt im Video

Link: http://moodalis.de

Digital Library for Moodle and other systems providing fulltext search, customizable metadata models and more…

und auch der Repository-Server

Beide Videos liegen auch in höher auflösender Version vor:
Introduction to the Repository Server
Repository and Moodle

Wissen oder verstehen

“Das Wissen kann uns unverändert lassen, das ‘vor oder zu einer Sache stehen’ - ist meistens selbst schon die Veränderung.”

Dieser Satz stammt aus der Autobiografie von Hartmut von Hentig (Mein Leben - bedacht und bejaht, Band 1, Seite 237). Ich habe während meines Studiums und auch später nie die Zeit gefunden Hentigs Werk mir näher anzuschauen. Und manches davon ist durchaus schwer verdaulich. Aber die Autobiografie gibt einen faszinierenden Einblick in sein Leben und Denken. [Band zwei habe ich gerade erst begonnen. Mal sehen]

Vieles ist durch die Zeitumstände geprägt, aber dennoch aktuell. Er schreibt unter anderem aus einer Rede des damaligen Dekans der Philosophischen Fakultät in Göttingen Herbert Schöffler im Oktober 1945:

Der Wissenschaft allgemein empfahl er, sich ihres verengenden Namens und Begriffs zu entledigen: ” Wissenschaft” sei eine sklavische Übersetzung von scientia wie “Gewissen” eine eben solche von “conscientia". Beides komme von scire, “wissen". Das Wort Wissenschaft betone den weniger wichtigen Teil der genannten Anstrengung. Dem hielt Schöffler das griechische Wort episteme entgegen, das von dem Verbum epistasthai kommt: vor, auf oder in einer Sache stehen, sie angehen und zu “verstehen” suchen (dieses deutsche Verbum hat in der Tat die gleiche Grundbedeutung). as Wissen kann uns unverändert lassen, das ‘vor oder zu einer Sache stehen’ - ist meistens selbst schon die Veränderung.

Ganz sicher ist das nicht nur historisch interessant, sondern noch heute ein guter Grundsatz. Rückblickend stellt von Hentig fest, wie dies sein eigenes Werden beeinflusst hat.

  1. Alles nachhaltige Lernen geschieht in einem Lebenszusammenhang
  2. (..)
  3. Alle Wissenschaften sollten allen etwas zu sagen haben, sonst taugt die Arbeitsteilung der Disziplinen nicht.
  4. Wissenschaft muss mehr sein als Beschaffung von Daten und die Feststellung von Beziehungen; wenn diese kein Denken auslösen, sind sie nicht wert, gewusst zu werden.
  5. Studium ist Aneignung im genauen sin: sich etwas zu eigen machen; es ist persönlich, kommt meist mit bescheidenen Verfahren und Mitteln aus und wird nie abgeschlossen.

Besonders interessant finde ich den Punkt: Wenn Wissen kein Denken auslöst, ist es nicht Wert, gewusst zu werden. Ich habe für mich diese Satz aus dem Wissenschaftskontext gelöst und in den Bereich des nicht akademischen Wissensmanagement übertragen. Wenn es also gelingt, das dort gehäuft Wissen so darzustellen und verfügbar zumachen, dass der Suchende einen Anlass zum eigenen Denken darin findet, haben wir viel erreicht. Der Suchende muss natürlich auch bereit sein etwas zu finden, bei dem es kein Rezept, sondern etwas zum Nachdenken gibt. Verbinden wir es mit dem ersten Punkt, der Verbindung zum Lebenszusammenhang, so gibt uns das Anregung zur Konstruktion von Wissensbeständen, die praktisch genutzt und nutzbringend sind.
Oder ist das Konsumdenken in den letzten fünfzig Jahren dazwischen geraten und lässt solche Überlegungen nicht mehr zu?