Kategorie: "Blogs"

Vom arg begrenzten Wert der öffentlichen Wikis und Blogs für den Bildungsbereich

Seit einiger Zeit wird sehr engagiert über den Einsatz von Wikis und Blogs im Bildungsbereich diskutiert. User generated Content und offene Strukturen sollen demnach den Einsatz von Lernplattformen überflüssig machen.

Insbesondere wird dabei hervorgehoben, dass die Offenheit von Wikis und Blogs und die Verbindung zu Menschen außerhalb der Lerngruppe besondere Möglichkeiten für das Lernen und damit zusätzliche Motivation erschließen würde.

Ich bin an dieser Stelle sehr skeptisch. Ich sehe durchaus, dass die Öffnung der Lernprozesse für Außenstehende von Wert ist. Lernprozesse sind heute black boxes. Lehrende und Lernende wissen was darin passiert, aber sonst niemand. Damit bleiben spannende Lernszenarien Externen verborgen. Manch einer scheut sich, selber Lernvorhaben in Angriff zu nehmen, weil er nicht weiß, was dort passiert. Die Sichtbarkeit kann also durchaus Vorteile haben. Völlig klar ist auch, dass der produktive Schaffensprozess des Lernenden in Form einer eigenen Arbeit für die Nachhaltigkeit des Lernens äußerst wertvoll ist.

Andererseits braucht Lernen den Schutz der geschlossenen begrenzten Öffentlichkeit. Lernen ist ein Feld in dem Fehler auftreten und auch auftreten sollen, damit diese erkannt und korrigiert werden können. Dieser Erkenntnisprozess geht die Öffentlichkeit nichts an. Viele Lernende liegen großen Wert darauf, im Schutz der Gruppe zu agieren. Viele trauen sich bereits in einer Gruppe von 15 Teilnehmern nicht, frei zu reden. Die große Öffentlichkeit wäre dann also nicht hilfreich.

Vielleicht dient mancher Lernprozess mit Wikis mehr der öffentlichen Profilierung der Kehrenden als den Lernenden. Das würde zumindest erklären warum die meisten dieser öffentlichen Lernprozessen in den mediendaktischen Seminare unserer Hochschulen stattfinden und selten in andere Fachgebiete übertragen werden. Zumindest ist auffällig, dass überdurchschnittlich häufig Seminare mit entsprechenden Themenstellungen (Web, neue Medientechnologien, Communities) Weblogs und Wikis verwenden.

Die geschlossene Gruppe bietet Raum zum Experimentieren mit Möglichkeiten. Gerade dies in in einem ungeschützten Raum meist nicht mehr möglich.

Ein anderes Problem mit Wikis und Blogs in der Öffentlichkeit für Lernprozesse ergibt sich durch die begrenzte Skalierbarkeit und Wiederholbarkeit. Wer mit einer Gruppe von 20 Teilnehmern ein thematisches Wiki erstellt hat, kann mit der nächsten Gruppe an diesem Wiki in Form von Verbesserungen und Ergänzungen weiter arbeiten. Dabei werden jedoch andere Lernziele realisiert wie mit der ersten Gruppe. Die dritte Gruppe findet ein nahezu perfektes Produkt vor. Sie kann diese lesend erschließen, aber kaum mehr neu erarbeiten. Da es jedoch zum Alltag der Lehrenden gehört, mit wechselnden Gruppen das gleiche Thema zu bearbeiten, sind die Möglichkeiten zur Wiederholung des methodischen Ansatzes für das Thema begrenzt.

Berücksichtigt man dann noch, dass in manchen Bereichen (Schule, einheitliche Lektüren, Curricula) auch noch viele Institutionen das Gleiche bearbeiten, ist mit einem mehrfachen Einsatz der gleichen Methodik (Inhaltserarbeitung durch Wikis) zu rechnen. Das steigert die Gefahr des gegenseitigen Abschreibens.

Ein besonderer Blick auf die leistungsschwachen Teilnehmer lohnt sich besonders. Gerade diese wünschen sich nicht, dass ihre Mängel und Schwächen öffentlich sichtbar werden. Zugleich bleibt ihnen ggfs. ein Erfolgserlebnis durch öffentliche Sichtbarkeit guter Ideen versagt.

Nicht zuletzt sei der Aufwand für Lehrende beim wiederholten Anlegen von Wikis oder Blogs für Teilnehmer genannt, der erhöhte technische Kenntnisse erfordert. Das Anlegen eines Wikis (z.B. auf Grundlage von Mediawiki) und die Bildung von Gruppen darin ist kein Pappenstil. Das Gleiche gilt für Blogs.

Die heutigen Lernplattformen hingegen bieten die Möglichkeit mit wenigen Klicks Wikis anzulegen oder Blogs für Gruppen zur Verfügung zu stellen. Hintergrundwissen über Datenbanken und Webserver sind dafür nicht erforderlich. Gelungene Lernergebnisse können ohne Probleme einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Damit ich nicht missverstanden werde, Wikis und Blogs sind tolle Instrumente, um mit einer Lerngruppe Inhalte aufzubereiten und Lernprozesse zu reflektieren. Ich halte es jedoch für gefährlich diese als Allheilmittel darzustellen und damit das Aus für andere Instrumente zu verbinden.

Nach über 30 Jahren aktiver Tätigkeit im Bildungsbereich habe ich viele Methoden kommen und manche auch wieder verschwinden sehen. Hilfreiche Modelle haben sich im Laufe der Zeit bewährt und das Methodenrepertoire ergänzt, ohne dabei andere vollständig zu verdrängen. Auswendiglernen und Frontalvorträge haben auch heute ihren Stellenwert, auch wenn sie immer wieder als steinzeitlich diskreditiert werden.

Es wäre hilfreicher, neue methodische Ansätze so auszuwerten, dass deutlich wird, wann und unter welchen Bedingungen sie hilfreich sind und wann sie unangebracht oder schädlich sind.